Beste Grüße – wie gruselig!

Ich bin sehr oft irritiert, wenn ich als Abschiedsformel in einer E-Mail „Beste Grüße“ lese. Und das, obwohl man mir ja meist „das Beste“ wünscht. So zumindest versuche ich an guten Tagen die Grußformel, in den (inzwischen) meisten beruflich bis semi-beruflichen E-Mails, zu deuten. An allen normalen Tagen, oder nach der Dritten „Beste Grüße“-E-Mail, oder der E-Mail eines mir sehr gut Bekannten und oft in Korrespondenz Stehenden, denke ich mir, so ein Quatsch, was soll das mit diesem „Besten Gruß“?

Ich kann damit (noch immer) nichts anfangen. Sorry. Es transportiert für mich nichts. Ich gehe sogar soweit, zu sagen, dass ich es fast als unhöflich empfinde, mit dieser Grußformel aus einer E-Mail entlassen zu werden. Es kommt natürlich auf den eigentlichen Inhalt der Korrespondenz an, aber in den wenigsten Fällen passt es irgendwie insgesamt, zum Schreibenden, zum Inhalt, zur gewählten Sprache. In den allermeisten Fällen empfinde ich es als einen abrupten Schubs aus einer menschelnden Schreiberei oder einer höflichen und persönlich gehaltenen schriftlichen Kommunikation.

Reden wir nicht von memohaftem Austausch oder von Antwort auf Antwort auf Antwort-E-Mails, denn in der Regel dienen diese ja tatsächlich nur einer schriftlichen Diskussion oder einem kurzen Infoaustausch. Hier lese ich ab der ersten Antwort sowieso keine Signatur mehr und auch beim Abschied verkürzt es sich i.d.R. auf den einfachen Namen oder eben gar nichts. Also ausgeklammert.

Reden wir von E-Mails, die als Erstansprache oder als Reminder, Informationsmails oder Anfragen vergleichbar mit analoger Post in die Postfächer flattern. Ich finde, hier muss man unterscheiden, zumindest tue ich das.

Meine Vorliebe für die letzten Worte, die Abschiedsformeln

Gehen wir grundsätzlich davon aus, dass jeder, der eine E-Mail schreibt, auch weiß, dass er als Absender beim Empfänger wahrgenommen wird. Das sich, sofern bereits bekannt, sofortige Assoziationen zu dem Menschen, dem Unternehmen, der Tätigkeit, der Beziehung zu ihm bzw. ihr einstellen. Dass u.a. durch die Abschiedsformel, sofern der Absender noch unbekannt, ein Grundtenor für eine weitere Kommunikation geschaffen wird und eine zu entstehende Beziehung prägt.

Unter dieser Prämisse lese ich ja mit Vorliebe und sehr konzentriert die wenigen letzten Worte, die mir jemand per E-Mail schickt. Ich denke, es ist alles erlaubt, was mich demjenigen, dem ich ein paar Zeilen schicke, sei es in amtlicher oder in privater Mission, so darstellt, wie ich wahrgenommen werden möchte. Also billige ich dies natürlich nicht nur mir, sondern auch meinem virtuellen Gegenüber zu. Er hat seine Chance, genau wie ich. Einerseits. Andererseits präsentiere ich ja nicht nur mich selbst mit meinen Abschiedsworten, sondern ich signalisiere bewusst (die meisten mit Sicherheit unbewusst – hoffe ich!) dem Lesenden irgendeine Form der Wertschätzung. (Phu, das Wort. Aber ja: Wertschätzung). Da mir Ton, Mimik und Gestik beim Lesen verborgen bleiben, kann ich nur die geschriebenen Worte wirken lassen.

Herrliche Vorurteile und die Bilder in meinem Kopf

Ich weiß nicht, ob es nur mir so geht, aber manchmal sitze ich eine Weile vor der E-Mail und male mir aus, wie der Absender mir in der Direktkommunikation zum Abschied sagt: „Beste Grüße“.
(Ehrlich gesagt, ich habe es bisher noch nicht ein einziges Mal erlebt, das mich jemand mit „Beste Grüße“ verabschiedet hat!)

Ich male mir folgende Situationen aus:

A) Mensch stehend, in einer halb abgewandten Körperhaltung, einem lang ausgestreckten Arm, einem – wenn überhaupt – nur kurzem Blickkontakt und mindestens  zwei Meter gefühltem Körperabstand.

B) Mensch sitzend, an einem am Schreibtisch, deutet nur kurz, ganz nebensächlich eine Kopfbewegung als Abschied an, in den Gedanken meilenweit weg, möchte nicht ganz unhöflich sein, ist es aber.

C) Mensch verunsichert, möchte nicht zu förmlich sein, aber auch nicht zu privat, wählt die Variante „Beste Grüße“ als Kompromisslösung für eine persönlichere und distanzabbauende Abschiedsformel.
Ich könnte das ABC noch mehr strapazieren, aber um es auf den Punkt zu bringen: Wenn ich „Beste Grüße“-E-Mails lese, dann assoziiere ich – oft völlig unreflektiert und intuitiv dem Textton folgend – eine dieser Lesarten:

  • Ich find dich doof und sag es höflich – Beste Grüße!
  • Ich bin genervt (von was oder wem auch immer) – Beste Grüße!
  • Du hast keine Ahnung, ich sag es Dir dezent – Beste Grüße!
  • Ich weiß nicht, wie ich Dir „Auf Wiedersehen“ sagen soll – Beste Grüße!

Es schwingt in meinen Ohren zudem so ein Altherren-Ton á la „Na, mein Bester!“ (Schulterklopf!) mit. Eine wirklich eigenartige Mischung in meinem Kopf. Kein Wunder, dass bei mir gegenüber Schreibern, die ich noch nicht live erlebt habe, herrliche Vorurteile entstehen.

Herausforderung und  Irritation

Nun arbeite ich jedoch mit Freude und meist auch Ausdauer daran, diese blitzlichtartigen Vorurteile sofort wieder abzubauen, und setzte einem „Besten Gruß“  entsprechend personalisierte und situative Abschiedsworte entgegen. Bei Manchen löst sich im Antwortschreiben die versachlichte, distanzierte und eigentlich Nichts sagende Abschiedsformel in Wohlgefallen auf; bei Vielen bleibt es (vorläufig) hartnäckig (auch nach konsequenter Variation von Abschiedsformeln meinerseits) beim „Besten Gruß“. Ich liebe Herausforderungen!

Bei Menschen die ich bereits persönlich kennengelernt habe, führt der „Beste Gruß“ bei mir jedoch tatsächlich mehrheitlich zu Irritationen. War diese Abschiedsformel eine bewusste Entscheidung? Wenn ja, warum? Oder war es nun einmal in der Signatur drin und damit aus dem Augen aus dem Sinn? Fehlt Zeit und Muse für eine Alternative?

Warum diese Nichts aussagende, bisweilen kühl bis abweisend wirkende und semantisch äußerst zweifelhafte Abschiedsformel? Nicht MIT besten Grüßen“, nicht „Mit Besten Grüßen VON/AUS/NACH nein, nur „Beste Grüße“. Irgendwie nichts Halbes und nichts Ganzes. Nicht Fisch noch Fleisch.

Ich kann mir dieses – dem Wortspiel folgend – Halbgare, nur so erklären:
So wie einige die Variante „Freundliche Grüße“ anstatt „Mit freundlichen Grüßen“ bevorzugen, wählt der „Beste Grüße“-Schreiber die ähm, entschärfte, etwas die Distanz reduzierende und milder wirkende Version von, ja, von was???

„best regards“ statt „Beste Grüße“

Ein Aspekt muss ich wohl noch mit betrachten, denn dieser wird mir oft als Argument entgegengebracht:
Es gibt zahlreiche Menschen, die sich auf das „best regards“ – ich habe viel E-Mailaustausch auf Englisch -Argument stützen. Allerdings muss ich diesbezüglich entgegensetzen: „best regards“ sind nicht zwangsläufig „Beste Grüße“ – es tut mir leid. Ernsthaft. Satt dessen ist es eher so, dass mit diesem Versuch der analogen Übernahme einer englischen Wortgruppe in den deutschen Schriftsprachgebrauch eine neue Baustelle aufgemacht wird: Die offensichtliche Beliebigkeit. Ich persönlich habe durch mehrfaches Prüfen festgestellt, das es verschiedene Lesarten für „best regards“ gibt. Die Übersetzungsangebote lauten u.a. „(Mit) freundiche(n) Grüße(n)“, „Beste Grüße“ oder gar „Herzliche Grüße“.

Welche Verabschiedungsworte soll ich als Empfänger also in der eingedeutschen Version von „best regards“ lesen? Darf bzw. soll ich es mir aussuchen?
Ehrlich gesagt: Das möchte ich nicht. Ich bin ja nicht im Wartezimmer beim Arzt am Tresen und wühle aus Langeweile im Bonbonglas. Die roten sind aus? Ach, da an der Seite ist noch ein grünes. Ansonsten haben wir nur noch gelbe…

Ich bin kein Freund von „Beste Grüße“

Wenn es bis jetzt noch nicht deutlich geworden ist: Ich bin kein Freund von „Besten Grüßen“. Ich fühle mich damit nicht ordnungsgemäß verabschiedet. Ich kann hier keine persönliche Note erkennen. Es transportiert für mich Versachlichung, Distanziertheit und eine gewisse Form der Beiläufigkeit bis hin zur Beliebigkeit. Zudem habe ich verstärkten Interpretationsaufwand, denn ich muss mich jedesmal grundsätzlich fragen: Was will mir der mir Schreibende denn überhaupt mit auf den Weg geben?

Er wünscht mir ja nicht „Dir nur das Beste“ oder „Möge Dir das Beste passieren“, sondern er schickt mir seinen „Besten Gruß“! Welches Repertoire an Grüßen hat er denn? Gibt es „Bessere Grüße“ und auch nur „Gute Grüße“? Das eigentliche Positiv ist damit das Negativ und der Superlativ gilt als Positiv? Was ist mit dem eigentlichen Negativ? Den „Schlechten Grüßen“?  Verschickt die eigentlich jemand? Und wenn ja, was hat das zu bedeuten? Und warum lässt man im Zweifel nicht einfach die Abschiedsformel weg, wenn man für sein Gegenüber nichts zu formulieren hat? Ich schreibe mich (auch in diesem Absatz mal wieder) in Rage!

Wenn es ein „Experte“ sagt…

Zur Selbstjustierung habe ich eben mal kurz im Netz quergelesen und gefunden, dass „Beste Grüße“ als „saloppere Variante, für bessere Bekannte“ im Rahmen der Geschäftskorrespondenz als „zulässige Variation“ aufgeführt wird. Die Variation „Mit besten Grüßen“  als „immer noch recht förmlich, aber zumindest mal anders einsortiert“ – aha! Ich muss an dieser Stelle erfreut feststellen, dass ungeachtet einer anderen Einschätzung der Wortgruppe an sich, dem Autor dieses Beitrages und mir, augenscheinlich das Gleiche wichtig ist: Wie sage ich in einer E-Mail „Auf Wiedersehen“ oder halt „Tschüss“ (Ohne Wiedersehen-wollen), so dass es sowohl dem Sender als auch dem Empfänger gerecht wird?
Ich surfe weiter und muss feststellen, dass der entsprechende Autor oben genanntem Beitrages als Experte im Bereich Job und Karriere gar auch für einem Online-Artikel in der Berliner Zeitung zu Rate gezogen wird und dort tatsächlich „Beste Grüße“ als Vorschlag zur Vermeidung von Floskel-Fallen steht. Herrje. Die Sympathiepunkte schwinden rasant.

Toast Hawai ohne Ananas

Auch Argumentationshilfen ernannter „Experten“ ändern es nicht. Für mich. Ändern es nicht, dass ich „Beste Grüße“ irritierend finde und mir manchmal denke: Dann lass es doch lieber ganz weg, die Sache mit den letzten Worten vor dem Namen. Nicht jedem ist ein ordentlicher Händedruck gegeben, das ist völlig ok. Solche Menschen merkt man sich auch – irgendwie.

Prinzipiell, erschöpft und pauschalierend komme ich am Ende zu dem (für mich vereinfachendem Schluss), dass diejenigen, die „Beste Grüße“ super finden, wahrscheinlich einfach á la „Toast Hawai“-Esser/Hasser oder „Nougat-ODER-Marzipan-Esser“ einzusortieren sind und damit als weiteres Charakteristikum einer Persona zum Einsatz kommen kann, nein, muss!

Dies ist zwar kein inhaltlich befriedigender Gedankenausgang, eher ein etwas hilfloser und harmoniesuchender ob des inhaltsleeren Trends, aber irgendwie auch eine Art einen inneren Monolog zu beenden – ohne Abchiedsformel. Was für ein Glück.

3 Kommentare

  1. Meine liebe Maria, ein schöner Gedankengang zum Thema „Beste Grüße“ – mir fehlen da nur Deine bevorzugten Alternativen. Könnte Thema Deines nächstes Beitrags sein, auf den ich mich freue. Cathrin

    1. Liebe Cathrin, in der Tat habe ich mich zu meinen bevorzugten Alternativen (noch) nicht ausführlich geäußert. Da gibt es auch nicht viel zu sagen, außer, dass ich i.d.R. tatsächlich mehr oder weniger lange darüber nachdenke, ehe ich mich entscheide, was ich zum Abschied schreibe bzw. welche Kurzform ich verwende. Dies variiert je nach Stimmung, Anlass und natürlich Adressat. Sollte ich persönlich jemals in deine Richtung „Beste Grüße“ senden, kannst Du nach dieser Beitragslektüre getrost auf nicht rechtzeitig kommunizierten Redebedarf meinerseits schließen. Ich bezweifle allerdings, dass es jemals dazu kommen wird. Mit einem fröhlichen Augenzwinkern, Maria

  2. Habe diesen Artikel beim Stöbern nach einem historischen Anhalt für die BG Wendung entdeckt. Er traf in allen Punkten ins Mark. Bin kein Kommunikationsstratege, Jg. 1970, und die Wendung erschien mir immer der Not entsprungen, dem vermeintlich verklemmten deutschen Grußformelrepertoire eine lässige angloafine Version hinzuzufügen.
    Jetzt sah ich einen Bericht, in dem die erste Frau Erich Honeckers eine Brief an ihren vorgesetzten (befreundeten) Parteigenossen „mit den besten Grüßen“ unterzeichnete – also vor über 50 Jahren – in der Langversion. Seit wann ist diese Formel gebräuchlich? Beste Grüße ? Für mich eher ein Superlativ der maximal erwünschte Distanz bei vordergründig beteuerter Nähe impliziert.
    Danke für die Klarstellung!

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